Wochenspruch

Worte zum Tag

Die Beziehungskiste

01.03.2015

Heimburger RainerNach unserem Umzug bringe ich mal wieder mein Adressbuch auf Vordermann. Es ist mit den Jahren ziemlich umfangreich: Ämter, Ärzte, Kolleginnen und Kollegen, Freunde, Familie. Die meisten haben inzwischen eine E-Mail-Adresse. Bei manchen habe ich den Geburtstag notiert, um ihnen mit einer Karte gratulieren zu können. In der Reihenfolge des Alphabets stehen sie aufgelistet, Name für Name.


Wenn ich die Liste durchgehe, dann denke ich manchmal: Wer war denn das? Weiß ich gar nicht mehr!

Bei anderen denke ich: O schade, dass ich den aus den Augen verloren habe. Was er wohl macht? Ob er noch da wohnt? Wie es ihm wohl geht? Und ich nehme mir vor, dass ich mal wieder anrufe.

Ich stoße auch ab und zu auf einen Namen, bei dem ich denke: Hoffentlich muss ich dich nicht wiedersehen. Dich schreibe ich nicht mehr auf. Zum Glück überwiegen aber die Namen von guten Bekannten und Freunden. Ich freue mich, dass es sie in meinem Leben gibt.

Ein Adressbuch ist eine Art Beziehungskiste. Es spiegelt die Kontakte, die wir haben, die wir hatten. Der eine oder andere Name steht auch noch drin von jemandem, der nicht mehr da ist. Die Erinnerung an ihn und die Lücke, die ich in meinem neuen Verzeichnis lasse, tut noch einmal weh.

Die Bibel sagt übrigens: Gott hat auch so eine Art Adressbuch. Im Psalm 139 heißt es: „Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben.“

Du und ich, wir alle stehn da drin. Bei unserer Taufe hat Gott eine Beziehung zu uns geknüpft und es uns auf den Kopf zugesagt und versprochen: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen.“

Der große evangelische Theologe Karl Barth hat einmal gesagt: „All das, was ich in vielen klugen und dicken Büchern über Gott geschrieben habe, all das lässt sich eigentlich in dem einen, letzten Satz aus dem Kinderlied „Weißt du wie viel Sternlein stehen“ zusammenfassen: „… kennt auch dich und hat dich lieb.“

Gott kennt mich und hat mich lieb und verliert mich nicht aus den Augen, auch wenn ich den Kontakt zu ihm schon lange abgebrochen habe. Er vergisst mich nicht, weil er mich liebt. Ich kann sicher sein: Bei ihm habe ich meine erste und meine letzte Adresse.

Gott wird keinen Menschen vergessen – nicht die Lebenden und nicht die Toten. Keiner wird vergessen. Kein einziger Mensch.

Rainer Heimburger, Bad Krozingen

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