Wochenspruch

Worte zum Tag

Ein letztes Mal

16.11.2014

kleinAGH100903schreibe ich den Begrüßungstext für die Startseite der Homepage dieses Kirchenbezirks. „Ein letztes Mal …“ – das gilt für vieles, was ich in diesen Wochen tue. Ich werde zum neuen Jahr den Kirchenbezirk verlassen und eine neue Stelle antreten. Abschied ist angesagt. Und da passt es, dass diese Wochen vor dem Wechsel in den Herbst fallen, der ja gleichfalls etwas von Abschied hat. Die Blätter verabschieden sich von den Reben, Büschen und Bäumen.

wilder WeinZur Zeit des Abschieds durchlaufen sie allerdings noch ein buntes Farbspiel. So erlebe auch ich diese Wochen des Abschieds mit gemischten Gefühlen. Der Kopf sagt, dass Abschiede notwendig sind, damit Raum für Neues geschaffen wird. Und da ist durchaus Neugier und Vorfreude auf die neue Aufgabe und ihre Herausforderungen. Doch ich kann nicht leugnen, dass ich zugleich Wehmut empfinde. In meinen beiden Gemeinden, Britzingen und Dattingen, ebenso wie im Kirchenbezirk habe ich viele gute und wertvolle Erfahrungen gemacht und viele Menschen kennengelernt, die mir ans Herz gewachsen sind. Und ich weiß schon jetzt, dass ich mit Sehnsucht daran zurückdenken werde, wenn ich dann in Karlsruhe bin.

Sehnsucht ist für mich auch so ein gemischtes, ein bittersüßes Gefühl. Einerseits ist sie eine Mangelerfahrung: Ich sehne mich nach dem, was ich gerade nicht habe, dem Ort, wo ich gerade nicht bin, den Menschen, denen ich gerade nicht nahe bin. Andererseits wird gerade in der Sehnsucht etwas von dem warmen Gefühl wachgerufen, das ich mit dem ersehnten Zustand oder dem ersehnten Menschen verbinde. Im Bilderbuch von Leo Lionni wärmt der Mäuserich Frederick seine Geschwister im Winter, indem er ihnen die Sonnenstrahlen ausmalt.

All das setzt allerdings voraus, dass Sehnsucht immer wieder auch gestillt wird. Wo Menschen sich nach dem Lebensnotwendigsten sehnen müssen, ist das keine bittersüße, sondern eine ausschließlich bittere Erfahrung. Doch gerade, wer die Augen nicht davor verschließt, dass es viel zu viele Menschen in solchen Lebensumständen gibt, wird sich danach sehnen, dass sich daran etwas ändert – und vielleicht sein Teil dazu beitragen. So ist Sehnsucht auch ein Stück Ausdruck dessen, dass ein Mensch wach und lebendig ist.

Im Kirchenjahr folgt auf das Ende des Kirchenjahres, das von der Sehnsucht nach dem Kommen Christi geprägt ist, der Advent, in dem sich Sehnsucht und Vorfreude mischen und schließlich Weihnachten als Zeit der Erfüllung. Im Glauben mischen sich die Erfahrungen.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie sich Sehnsucht bewahren und Erfüllung finden, und grüße ein letztes Mal herzlich

 

Ihr Arnold Glitsch-Hünnefeld

Pfarrer in Britzingen und Dattingen


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