Wochenspruch

Worte zum Tag

Gehalten

01.11.2013

Daniela HammelsbeckSie sitzen vorne in der ersten Reihe, unter den Angehörigen. Die Frau, die ein Taschentuch in der Hand hat und sich immer wieder Tränen aus dem Gesicht wischt. Und das Kind, das sie im Arm hält. Es schläft, sein Kopf liegt auf der Schulter der Mutter.

Ich betrachte die Beiden von der Kanzel aus, in der Friedhofshalle. Ich habe sie im Blick, während ich die alten Worte aus der Bibel vorlese. Wie oft habe ich sie schon gelesen, und heute noch einmal neu:

„Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde, denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen. Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und Gott wird bei ihnen wohnen und mit ihnen sein. Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein.“*

Wie ruhig und still das Kind da liegt, so wunderbar entspannt. Es versteht wohl noch nicht, dass der Opa nicht mehr wieder kommt. Aber gewiss spürt es die Traurigkeit. Und trotzdem kann es sich fallen lassen, tief durchatmend, in die weiten Arme der Mutter.

Die alten Worte, sprechen sie nicht auch von einem, dessen starke Arme weit reichen? Von einem, der weiter reicht als unser Leben und unser Leiden, als Tod und Schmerz? Kein über alles erhabener Gott ist das, von dem da die Rede ist. Sondern einer, der sich berühren lässt. Vielleicht ist er so zärtlich wie die Mutter da vor mir, die ihrem Kind über den Rücken streicht.

484099 web R K by Peter Reinäcker pixelio.deWie gut das wäre, darauf vertrauen zu können: Wenn ich traurig bin, dann werde ich gehalten. Wenn ich nicht mehr weiter weiß, dann kann ich mich an eine breite Schulter lehnen. Wenn mir elend ist, dann ist da jemand, der mich in seinem Schoß birgt. Wie tröstlich, so auf den neuen Himmel und die neue Erde zu hoffen!

Daniela Hammelsbeck, Pfarrerin in Müllheim

*Offenbarung 21 

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