Wochenspruch

Worte zum Tag

Geisterstadt des Glaubens?

01.05.2013

 Auf die Entfernung sah ich nur ein schwarzes Loch in einer eigentümlich geformten Felsformation. Wir näherten uns über staubige Wege dem niedrigen Eingang in die Dunkelheit. Wenige Meter davor blieb der Blick haften auf erdroten Mustern, die den Rand der Höhle säumten. Dann stiegen wir hinein, hinweg über längliche Mulden im Boden. Die Augen gewöhnten sich bald an das dumpfe Licht. Wir staunten über das, was sich uns auftat - eine Altarnische, verziert mit einfachen Bändern, Andeutungen von Blumen und ein einfaches Kreuz, alles in der gleichen roten Farbe. Alles ganz einfach.

Alles dennoch tief beeindruckend.

Wir standen in einer der vielen Höhlenkirchen in Kappadokien in der Türkei. Wer sie finden will, wandert durch die Landschaft um Göreme herum. „Feenkamine“ stehen da, unwirkliche Gebilde aus vulkanischem Material. Wie Zipfelmützen gigantischer Kobolde ragen sie in die Landschaft. In den weichen Tuff haben schon seit tausenden Jahren Menschen sich Wohnraum geschaffen. Und irgendwann sind dann Einsiedler und Einsiedlerinnen dort eingezogen, haben sich tiefer gegraben, haben sich Verstecke für ihre Einsamkeit geschaffen und ihren glühenden Glauben.

 Ihre primitiven Klosteranlagen, Stätten des Gebetes und des Geistes, muten heute wie Geisterstädte an. Und trotzdem kann ich mich ihrer Aura nicht entziehen. Es ist, als hätte der poröse Stein die Gebete tausender Herzen in sich aufgesogen und würde sie bis heute in die Welt wieder freigeben.

Aber es ist alles Vergangenheit. Jetzt ist alles verlassen, auch wenn Menschen aus aller Welt durch die Täler streifen. Nur die Kreuze und Ornamente, die Malereien und eingekratzten Formen erinnern an das, was war. Nach und nach verließen die heiligen Eiferer ihre Höhlen oder wurden vertrieben. Alles ist ein großes Museum einer großen Zeit.

Wie wird es in dreihundert Jahren bei uns aussehen? Wird der gelebte Glaube der Christen und Christinnen nur noch an den Resten beeindruckender Kirchen zu erkennen sein? Werden nicht Gemeinden, sondern Archäologen von unserem Glauben Auskunft geben, wenn sie den Zukünftigen die Reste an Symbolen, Schriften und historischen Fakten deuten?

Als wir durch die Täler Kappadokiens wanderten, beschlichen mich solche Gedanken.

Doch dann fasste ich Vertrauen in das, was wir an Pfingsten feiern: es gibt die Dynamik eines Heiligen Geistes, aus dem meine Kirche einmal geboren wurde. Er wird sie in eine Zukunft führen, die anders sein wird als das, was jetzt ist, vermutlich kleiner, weniger mächtig und wenig sichtbar. Aber es wird Kirche sein, erfüllt von einem Feuer, das immer die Kraft haben wird, Menschen für sich zu erwärmen.

Ihr Jörg Wegner, Pfarrer in Stegen
01.05.2013

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