Wochenspruch

Worte zum Tag

Ich schäme mich des Evangeliums nicht..

01.08.2012

 In der Diskussion um das Beschneidungsverbot an Jungen durch das Kölner Landgericht vom 7. Mai 2012 wird in Internetforen und Leserbriefen nun sogar das Verbot der christlichen Kindertaufe gefordert. Kleine Kinder in die Gemeinschaft der Glaubenden aufnehmen und sie christlich erziehen sei ein Verstoß gegen das Menschenrecht auf freie Religionswahl.

Das Gericht selber liefert die Steilvorlage für diese absurde Behauptung: Die Beschneidung verhindere, dass sich der Junge später seine Religion selber aussuchen kann. Religionsfreiheit wäre nach Meinung der Kölner Richterin demnach die Freiheit von Religion bis zur Volljährigkeit. Die Beheimatung eines Kindes in einer religiösen Tradition, sei sie christlich, jüdisch oder muslimisch, wäre gegen das Kindeswohl gerichtet. Diese Sichtweise "gehört zum Credo der Agnostiker und Konfessionslosen", so der Kölner Juraprofessor Stefan Muckel. Das Urteil sei juristisch anmaßend und verrate gesellschaftspolitisches Sendungsbewusstsein. Die Frage stellt sich: Auf welcher Grundlage soll sich ein junger Mensch für eine Religion entscheiden, wenn er bis zur Volljährigkeit von ihr ferngehalten wird? Welche geistige Bindung mit welchen Werten soll an die Stelle der religiösen Bindung treten?

Hinzu kommt etwas anderes: In den letzten Jahrzehnten hat sich jüdisches Leben in unserem Land allmählich wieder etabliert. Das ist geradezu ein Wunder angesichts der millionenfachen Ermordung von Juden in der Zeit des Nationalsozialismus. Ausgerechnet ein deutsches Gericht will sich nun in das jüdische Leben und in innerjüdische Religionsangelegenheiten einmischen und treibt Juden indirekt aus dem Land. Eine solche Entwicklung hätte ich bis vor Kurzem nicht für möglich gehalten.

Dazu passt, dass mit der Piratenpartei ein antireligiöses politisches Programm nun auch in einige Parlamente eingezogen ist. Abschaffung des Religionsunterrichtes, Tanzveranstaltungen vor Kirchen am Karfreitag, vollständige Privatisierung von Religion, keinerlei Einfluss von Kirchen und Religion auf die Gesellschaft, so lauten die Forderungen.

Rückzug in die Innerlichkeit ist in dieser Situation unangemessen. Öffentliches Eintreten für die menschenfreundliche Botschaft unseres christlichen Glaubens und für die Legalisierung jüdischer und muslimischer Beschneidung auf dem aktuellen Stand der Medizin durch den Gesetzgeber sind angesagt.

Rüdiger Schulze
Pfarrer in Bötzingen (1.8.12)


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