Wochenspruch

Worte zum Tag

Ist die Welt friedlicher geworden?

01.08.2014

Zobel-100pxAls vor 100 Jahren sich in Europa die Völker den Krieg erklärten, ahnten sie nicht, dass sie 4 Jahre später 17 Millionen Tote beweinen werden. Sie taten am Beginn so, als ob es immer nur Sieger geben könnte – und das sei immer das eigene Volk. Am Ende mussten sie feststellen, dass die Welt zumindest in Europa ein anderes Gesicht bekommen hat: Grenzen wurden neu festgelegt, Monarchien in die politische Bedeutungslosigkeit verabschiedet, vom großen Habsburger Reich blieb nichts mehr übrig, neue Staaten entstanden, mehr Völker konnten selbstbestimmt leben. Doch bei allem Leid und allen Folgeproblemen des Krieges gab es kein breites Bewusstsein, den Krieg als Mittel der Vernichtung zu ächten und deshalb auch zu verbieten.

Die Welt ist damals anders geworden, aber nicht friedlicher.

Als vor 100 Jahren Menschen in Konstanz einen anderen Weg als unausweichliche Alternative sahen, gründeten sie den Internationalen Versöhnungsbund. Kooperation statt Konfrontation, Gespräche miteinander statt Abgrenzung voneinander, Versöhnung statt Streit und Krieg – nichts davon wirkte in den Augusttagen von 1914. Selbst die führenden deutschen Gründungsmitglieder wurden im Handumdrehen zu Befürwortern der nationalen Sache, sehr schnell aber wieder zu deren Gegner. Die Grauen der Schlachten und die Erfahrung von millionenfachem unsinnigem Sterben bedeuteten letztlich ein Versagen der Politik – die insgesamt einer Neuausrichtung bedurfte: Veränderung durch den Weg des Friedens und der Versöhnung, Veränderung durch gewaltlosen Widerstand.

Die Welt ist dadurch nicht anders geworden, aber einige Menschen.

Als vor 100 Jahren Pfarrer auf die Kanzel stiegen, waren die meisten eindeutige Befürworter des Krieges. Sie stellten einen Jesus vor, der das Schwert gebracht haben soll. Die Worte der Bergpredigt, nach der die glücklich sind, die Frieden stiften, hatten keine Chance ebenso wie das Wort von der Feindesliebe. Nur sehr wenige Theologen waren Mahner und sollten dann später die Arbeit des Versöhnungsbundes unterstützen.

Das Denken darüber ist in unserer Kirche heute anders, die Welt weitgehend nicht.

Und 100 Jahre später: Krieg und kriegsähnliche Verhältnisse in Israel und Gaza, Mali, Nordnigeria, in der Zentralafrikanischen Republik, im Ostkongo, im Südsudan, in Libyen, im Irak, in Syrien, in Afghanistan, Pakistan, in Kolumbien, in der Ukraine, in Russland – Krieg und Kriegsgebiete von unglaublicher Größe. Der Waffenhandel ist lukrativ wie schon lange nicht mehr. Versöhnung, Verständigung und Gespräche scheinen chancenlos zu sein. Die Welt gibt kein Bild des Friedens ab, global scheint die Menschheit nichts aus zwei Weltkriegen und Hunderten anderer Kriege gelernt zu haben.

Doch es gibt die anderen Wege; es gab und gibt den langen Atem des Gottvertrauens und des Gebets – in Südafrika, in der DDR, in Nordirland, in Myanmar, in Sierra Leone, 60 Jahre Frieden in unserem Land. Dass der Weg der Versöhnung gelingen kann, dass der Weg des Friedens verheißungsvoll ist, dass alles Menschenmögliche mit Gottes Hilfe geschehen soll - weil Krieg nach Gottes Willen nicht sein soll!

So viel Nachdenkliches zu Beginn der Ferienzeit – was denken Sie: Ist die Welt friedlicher geworden oder nur anders?

Eine behütete Zeit, wo immer sie sind, wünscht
Hans-Joachim Zobel, Dekan


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