Wochenspruch

Worte zum Tag

Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft. Psalm 62,2

01.07.2012

Ein Vormittag am geöffneten Fenster meines Arbeitszimmers: Lärmende Boxen, die als Autos getarnt, mich mit der Musik versorgen, die ich nicht hören will, mir aber aufgenötigt wird. Laubsauger und Benzinrasenmäher künden vom nimmermüden Fleiß der Häuslebauer und -besitzer oder Hausmeister. Lautstarkes Gehupe am frühen Abend künden von der Anteilnahme am Sieg irgendwelcher kickender Millionäre über andere kickende Millionäre, die mit der angeblich wichtigsten Nebensache der Welt beschäftigt sind.

Als ich zuhause bin: Mopedfahrer, die ihre frisierten Maschinchen zum Schaufahren aufheulen lassen. Laut telefonierende Handybesitzer, die ihre Banalitäten in das kleine Gerät hinein brüllen. In entschlossener Fahrt vorbeirasende Kleintransporter, die irgendwelche Päckchen von A nach B transportieren. Als ich das Fenster zumache, bin ich fest entschlossen ein "Tagebuch des Lärms" anzulegen, der jeden Tag auf mich eindringt und an meinen Nerven zerrt.

Wie beeindruckend bei einer Reise nach Russland war da unser Gastgeber, der sich für den von der Straße hereindringenden Lärm bei uns entschuldigte. Er hoffe, wir hätten dennoch gut geschlafen: Stille als Ausdruck von Rücksicht. Der öffentliche Raum nicht als eine Bühne, auf der sich jeder beliebig mit seinem miserablen Musikgeschmack oder seinen banalen Nachrichten austoben kann, sondern als Ort, an dem Rücksicht und Respekt eingeübt werden kann. Wie aber soll ein Mensch unserer Tage in diese "Stille", die mehr als nur die Abwesenheit von Lärm ist, hineinfinden, wenn er dabei permanent unterbrochen wird? (Nicht umsonst wird in der Bibel der Teufel auch "Beel-Zebub", "Herr der Fliegen", die einen umsurren und ablenken, genannt).

Bisweilen flüchte ich dann in den Keller meines Hauses. (Wohl dem, der solch eine "Kapelle" sein eigen nennen darf!) Dort gibt es einen Raum, in den nur wenig hereindringt vom zerstreuenden Lärm der Welt, vom bunten Nichts des Alltags. Dort bin ich allein mit Gott. Dort kann ich mich sammeln, meinen Gedanken nachhängen, werde nicht permanent unterbrochen, abgelenkt, vom Wesentlichen abgezogen. "Meine Seele" – mein Innerstes, da wo ich ganz bei mir zuhause bin – sehnt sich nach solchen Momenten der Stille. Meine Seele sehnt sich danach, still zu werden, still wie ein Kind in den Armen der Mutter. Dann erfahre ich das Wichtigste: Mein Leben wird gehalten, getragen, ist geborgen in Gottes Händen. Ich kann mich darauf verlassen, dass Gott sich meiner annimmt. Dort mache ich die gute Erfahrung: Ich brauche nicht alles selbst zu schaffen. Ich muss nicht die Welt retten, (der Retter war bereits da), sondern ich darf mich darauf verlassen, dass ER hilft, mir beisteht, dass das Wesentliche dort geschieht, wo ich gelassen bin, vertraue und mich in seinen Händen geborgen weiß: Aus der Beter Hände fließt die Kraft, die die Welt verändert. "Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft". In dieser Gewissheit schreite ich dann wieder in den Lärm des Alltags und setze mich all dem aus, aber in mir, da ist es ruhig – still. Viele Menschen werden mir begegnen, der Lärmteppich sich wieder über mich legen. Aber in mir da ist es still. Denn Gott hilft mir. Wo immer wir sind, was immer auf uns zukommt, wer immer uns begegnet.

Das wünscht Ihnen von Herzen Ihr U. Hauser (1.7.12)
Schuldekan, Müllheim

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