Wochenspruch

Worte zum Tag

Zärtliche Briefe in dunkler Zeit

01.06.2013
Daniela HammelsbeckLieneke ist sechs Jahre alt, als 1940 deutsche Truppen die Niederlande besetzen. Als die Deportationen beginnen, taucht die jüdische Familie unter. Die vier Kinder erhalten einen neuen Namen. Lieneke, die Jüngste,  kommt nacheinander bei verschiedenen fremden Familien unter, die das Kind unter großer Gefahr für ihr eigenes Leben versteckt halten. Fortan darf Lieneke nicht mehr das Mädchen sein, das sie war, und so lebt sie in zwei Welten.

Im Innern ist sie weiterhin die Tochter ihrer Eltern und die Schwester ihrer Geschwister, aber nach außen hin ist sie jemand anderes: mal katholisch, mal protestantisch. Im Innern ist sie zutiefst verängstigt, nach außen hin ein junges Mädchen, das die gute holländische Landluft genießt. Ungewiss, ob ihre Familie noch am Leben ist, fühlt sie sich einsam und  verlassen. Eines Tages wird ihr ein zu einem Heft gefalteter Brief überreicht. Darin finden sich wunderbare Zeichnungen ihres Vaters, kleine Scherze und Neuigkeiten von der Familie, die er ihr in verschlüsselter Form mitteilt. Am Ende des Tages muss Lieneke das Heft ihrer Gastfamilie abgeben, damit es vernichtet werde, denn es aufzubewahren wäre zu gefährlich. „Ich behielt mein kostbares Heft einen ganzen Tag bei mir, wurde nicht müde, es anzusehen, es zu streicheln und daran zu schnuppern.“ In diesen Heftchen, die monatlich eintreffen, begegnet Lieneke alles, was sie sich ersehnt: Tiere, Pflanzen, Kinder und Erwachsene leben in einer freundlichen friedlichen Welt.

„Ihr habt nun bestimmt Osterferien. Wenn es jetzt nur schönes Frühlingswetter gibt! ... Wie sieht es mit deinen Erdbeerbeeten aus? Unsere Pflänzchen stehen ordentlich in Reih´ und Glied und warten auf die Frühlingssonne... Weißt du, was ich mir ganz fest wünsche? Dass dieses Jahr kein Osterhase kommt und auch kein Osterküken, sondern ein Täubchen, eine richtig gesunde Friedenstaube. Und dass die Ringelblumen in diesem Jahr früh blühen und du sie mit Liesje pflücken gehst und sie dann in meinem Zimmer auf den Tisch stellst.“

Nach Kriegsende findet Lieneke ihren Vater und die Geschwister wieder, die Mutter ist kurz zuvor nach langer Krankheit gestorben. Zu ihrer großen Überraschung überreichen die Gasteltern Lieneke nach dem Krieg die Hefte ihres Vaters. „Wir haben es nicht über´s Herz gebracht, sie zu verbrennen, sie waren zu schön.“
Lieneke heißt heute Nili Goren, ist achtzig Jahre alt und lebt in Israel. Auf dem Kirchentag in Hamburg war sie als Zeitzeugin zu hören und zu erleben. Die Briefe, die sie vorstellte, sind ein bewegendes Dokument des Widerstands. Gegen die Finsternis, gegen das Grauen, die Angst, die Traurigkeit erzählen sie von Leichtigkeit und Hoffnung, Humor und Zuversicht und der kindlichen Freude auf Frieden.
( Agnès Desarthe (Hg.), Lienekes Hefte, 2. Auflage 2011)

Daniela Hammelsbeck, Pfarrerin in Müllheim
01.06.2013

Zum Archiv

Druckansicht