Wochenspruch

Worte zum Tag

Von Lavasteinen und was wir sonst noch gelernt haben

09.11.2016

Bildbericht von der Pfarrkonferenz in Wittenberg

Sonntag, 30.10.2016, Hinfahrt

Weil 2017 alles überlaufen sein wird, fuhren wir schon in diesem Jahr zur Pfarrkonferenz gen Wittenberg. Zu klären wird sein, was wir in Wittenberg und den anderen Lutherstätten wollen: Gleichen wir denen, die in Prag auf der Moldaubrücke unbedingt die Statue des Heiligen Nepomuk berühren müssen, die an diesen Stellen ganz blankpoliert ist? Oder etwa denen, die auf den Obersalzberg pilgern um was, ja, was eigentlich dort zu suchen? Wir könnten Luthers Grabplatte berühren. Oder die Thesentür. Oder das Sterbebett (wir werden erst später erfahren, dass das nicht mehr möglich ist). Nun, es wird sich herausstellen. Eigentlich ist unser Ziel ein Predigtworkshop, der uns zeigen soll, wie man es nach Ansicht des Fachpersonals dort besser machen kann.

Endlich - nach verschiedenen trickreichen Umleitungen in Wittenberg - finden und belegen wir das Lutherhotel in der Innenstadt, wenn man von so etwas bei einem so langgezogenen Ort überhaupt sprechen mag. Noch ein Reformationsbier, das hierzuland so wie Wohlfahrtsbriefmarken eingepreist wird, nur dass nicht ganz klar ist, zu wessen Gunsten der Aufschlag ist, und dann versuchen wir auszuschlafen, was auch gelingt, denn der folgende Reformationstag ist hier ein Feiertag, obwohl wir im Lande der Frühaufsteher sind.

Was haben wir an diesem Tag gelernt? Vielleicht, dass es einen schöneren und einen kürzeren Weg gibt, nicht nur durchs Leben, sondern auch zu den Stätten der Reformation.


Montag, 31.10.16, Wittenberg

Reformationstag. Das Frühstück im Hotel ist üppig, die Belegung des Hauses und der Stadt auch. Trotzdem finden wir manche der Unseren wieder und gehen in die Kirche, natürlich in die Schlosskirche. Wir müssen die Empore erklimmen und verfolgen den Gottesdienst wie in einem Radio, nur dass wir zu Hause nicht aufstehen für das Votum… Da ich die Starpredigerin, Frau Oxen, hören will, bleiben wir anschließend für den nächsten Gottesdienst da, erobern aber einen Platz im »Mittelschiff«, das Chorgestühl war schon besetzt. Und dann erscheint »SIE« und überlegt in ihrer Predigt, was Sie »Martin« wohl schenken würde. Die persönliche Ansprache ist für mich etwas irritierend und erinnert mich ein wenig an den Schwaben, der am Grab beim Nachruf nicht mehr weiter wusste und darum schloss: »Ond pleib gsond, Eugen«. Sonst weiß ich nur noch, dass sie den Altersantisemitismus Luthers ansprach: »Hättest Du doch die von dir übersetzte Bibel auch im Alter genauer gelesen …«

Immerhin saßen wir an diesem Tag zunächst über, dann unter den »evangelischen Heiligen«. Ich versuche, die Namen zu entziffern, dabei vermisse ich Capito und ich frage mich, ob jemand Capito gesehen hat? Nein, Capito ist nicht dabei, dafür Spalatin. Capito war ja Elsässer und die »Oberdeutschen« waren den Wittenbergern verdächtig. Wir werden heute dreimal singen »Ein feste Burg«, da wir abends noch an das Fest der Lieder besuchen, um mitsingen zu dürfen. Schwerpunkt waren Lieder des 19. Jahrhunderts, auch Ernst Moritz Arndt durfte auftreten, bei dem mir immer eine leichte Gänsehaut über den Rücken zieht, verdanken wir ihm doch den Satz »Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte« - schwer erträglich, auch wenn es gegen Napoleon gerichtet war.

Wittenberg ist richtig voll an diesem Tag, denn es findet ein höchst säkulares Mittelalterfest statt. Vielleicht ist diese Form des Pseudohistorismus die neue Religion? Mir wird klar, dass die Menschen vor allem wegen dieses Festes da sind, den Reformationstag nimmt man bestenfalls in Kauf. Warum gerade hier und in Tschechien die staatliche Religionsausrottung so erfolgreich war, weiß niemand zu sagen.

Was haben wir an diesem Tag gelernt?
Ach ja, den Spruch an einem der Stände: »Der Kopf tut weh, die Füße stinken, bleib stehn, hier gibt es was zu trinken«. Das entspricht vermutlich dem Niveau des Festes. Und noch etwas habe ich gelernt: Über Luther kann man nur reden, wenn er gleichzeitig als Antisemit angeprangert wird oder man sich wenigstens für ihn entschuldigt oder ihn posthum mit der Frage konfrontiert: »Warum?«

Die Kritiker, die die Welt verstehen, wollen es so. Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn so bei allen historischen Größen verfahren würde. Keiner entschuldigt sich für antisemitische Päpste, keiner entschuldigte sich für Juristen und Politiker, die, gerade noch »PG«, ihre Laufbahn in der neuen Bundesrepublik nahtlos fortsetzten. Martin, irgend was hast du falsch gemacht.



Dienstag, 01.11.2016, Mansfeld und Eisleben

Unser Hotel ist sehr umsichtig, es gibt sogar einen Weckdienst. Pünktlich um 5.30 Uhr beginnt der Zulieferverkehr, regelmäßig ist die Hydraulik der Ladebordwand zu hören, dazu die Wagen, die über das Pflaster gezogen werden. Fröhliche Zurufe der Arbeitenden ergänzen den Weckruf.

Dieser Tag wird uns zunächst nach Mansfeld führen. Ganz negative Dinge finde ich beim Deutschlandfunk Kultur über dieses Museum, ein Fremdkörper in Sichtbeton mitten in Mansfeld, 3,5 Millionen teuer, und das im »Nirgendwo«. Hätte man dieses Geld nicht für Arbeitslose ausgeben müssen, hadern die Kritiker, die auch hier wissen, was zu tun gewesen wäre.

Wir fahren trotzdem hin, finden das Museum deutlich abgesetzt von der übrigen Bausubstanz, aber ein Fremdkörper? Entstanden ist es, weil man - datierbar - die Müllkippe der Luthers gefunden hat und so deren Lebensumstände weiter erhellen konnte. Wie gut, dass sich niemals jemand so für mich interessieren wird. Wir bekommen alles erzählt, was wir auch auf den gut gemachten Tafeln lesen könnten. Die Heimatkirche Luthers wollen wir auch noch besuchen, aber was soll ich sagen, sie ist zwar, obwohl evangelisch, offen, doch wird sie, wer hätte das gedacht, renoviert. Wir sehen verstaubte Bänke, auf die jemand mit dem Finger ein Herz gezeichnet hat nebst eines Namens. O glückliche Jugend.

Aber dann entdecken wir noch ein Denkmal, auf dem so was steht, wie »Durch Kampf zum Sieg«. Spontan fällt mir die SED ein, aber das kann doch nicht mehr sein? Richtig, auf dem Denkmal finden wir Martin Luther. Ich bin ratlos. Auf meinen Wunsch fährt der Dekan eine weitere Runde um das Denkmal. So, jetzt kann ich auch davon Abschied nehmen, es geht in die Lutherstadt Eisleben.

Bevor wir ins Sterbehaus Luthers gehen, strömt die Mehrheit in ein unbekanntes Lokal, Frau Artes aber findet zielstrebig einen Laden für Bio & Veganes mit angegliedertem Restaurant. Das Tagesessen gibt es noch genau zweimal, dafür Kohlrabisuppe für die anderen drei. Selten haben wir uns so wohlgefühlt wie in einem aufgelassenen Pferdestall, in dem man sogar frisch geschreddertes Himbeereis bekommt. Trotzdem müssen wir uns aufmachen, um zum Sterbehaus Luthers zu gelangen, wo wir sehr Bedenkliches erfahren. Unser - katholischer - Führer durch das Sterbehaus Luthers verkündet mit großer Überzeugung, dass es prozentual noch 8:3 für die Protestanten stünde, was sich aber ändern werde. Auch wenn die Katholiken bei 3% blieben, würden die Protestanten weiter verlieren. Zum Fürchten. Wir erfahren schließlich auch noch das: Philipp von Hessen sei evangelisch geworden, auf dass er die morganatische Ehe mit Margarete von der Saale genehmigt bekäme (in diesem Fall empfehlen wir dem Führer eine Nachschulung). Wir erfahren ferner, dass das Sterbehaus Luthers gar nicht das Sterbehaus Luthers sei, das wahre sei indes abgebrannt und so kann der fehllokalisierte Kult weiterleben.


Als museumspädagogischen Gag finden wir im vermeintlichen Sterbehaus noch eine künstlerische Wand, in der sich z.B. hinter der Türe mit der Aufschrift »Fegefeuer« eine Sprühflasche mit Reinigungsmittel und eine Drahtbürste befinden. Ob ich da nicht lieber das Feuer vorziehe?

In der Taufkirche finden wir ein in den Boden eingelassenes Baptisterium, das sogar genutzt wird.


Was haben wir gelernt?

Im Sterbehaus lerne ich den Begriff »limbus« kennen, der sonst wohl nur in Löffingen bekannt ist. Da hielten sich die Seelen der ungetauften Kinder auf und manche anderen auch noch, was hier nicht vertieft werden muss, denn sogar der des Fortschrittes völlig unverdächtige Benedikt XVI wertete diese Spekulation über eine Vorhölle zur älteren kirchlichen Lehre ab. Inzwischen ist man der Meinung, dass ungetauft sterbende Säuglinge direkt in den Himmel eingehen.

Wer will, muss die Lehre aber nicht aufgeben. O sancta mater ecclesia.

Endlich lernen wir auch noch etwas über den Ärger der Bevölkerung, dass für kirchliche Stätten so viel Geld ausgegeben werde. Da haben sie wohl recht. Ich wäre natürlich auch sonst im Laufe meines Lebens einmal nach Mansfeld gefahren, auch wenn es da nicht einmal ein Gasthaus gibt.

Mittwoch, 02.11.15 Dessau, Bauhaus und Wörlitz


Heute wurden wir erst um 5.45 Uhr geweckt. Auch wenn es schwer fällt, die revolutionäre Formensprache des Bauhauses auf Anhieb auch so zu empfinden, es ist beeindruckend, was sie damals, durchaus mit der Hilfe der Malerei, auf den Weg gebracht haben. Wir werden durch das Bauhaus und die Meisterhäuser geführt. Wir erfahren, dass auch Lyonel Feiniger da war, nichts arbeiten musste, sondern für Atmosphäre sorgen sollte. Es wird ihm gelungen sein. Oskar Schlemmer war auch da, Kandinsky und Klee, Marcel Breuer und Marianne Brandt. Dumm nur, dass sich manche Protagonisten in den »Wohnmaschinen« doch sehr bürgerlich einrichteten. Doch wenn das das einzige Problem war… Immerhin, so lernen wir, sollte alles möglichst transparent sein und auf’s Wesentliche reduziert. Nur einer wagte zu fragen, was das denn mit Luther zu tun habe? Aber wollten nicht auch wir so transparent wie möglich sein in der Kirche und auch etwas vom »Überflüssigen« abschaffen, nicht nur den Limbus?

Mit Eindrücken gesättigt fahren wir in den Wörlitzer Park, ein Ort, an dem sich die Augen erholen können, die Seele vielleicht auch und das Volk sollte sich bilden, wozu eigens original italienische Lavasteine herangeschafft wurden, um dem Volk etwas von einem Vulkan zeigen zu können.

Was haben wir an diesem Tag gelernt? In der Kantine reden wir über die letzte Bezirkssynode und das von der Landeskirche verordnete Papier. Ob das ein transparenter Prozess ist? Man wird da doch mal fragen dürfen.

Wir lernen aber auch viel von einander, denn bei den Essen, die wir im Brauhaus und in der Pizzeria eines Griechen einnehmen, wird es doch auch recht persönlich, was hier aber nicht ausgebreitet werden soll.

Als kleine Überraschung schafft auch das Hörbuch »1913«, das wir auf der Fahrt hören, noch Verbindungen, denn Alma Mahler, die erste Witwe Wiens und femme fatale, hatte, so erfahren wir, Walter Gropius erst als Liebhaber aussortiert, ihn dann aber, um von Oskar Kokoschka loszukommen, wieder reaktiviert, geheiratet, ein Kind von ihm bekommen und ihn, als er aus dem ersten Weltkrieg zurückkam, wieder abserviert. Ob diese Erfahrung zum Minimalismus des Bauhauses beigetragen hat, wissen wir indes nicht.


Donnerstag, 03.11.16 Workshop

Weckzeit: 6.00 Uhr. Sehr zuverlässig. Heute steht der Workshop an. Zunächst Frau Oxen, dann Sprache und Ausdruck mit Herrn Dietrich Sagert. Frau Oxen erzählt von ihrem Werdegang und der Situation »im Osten« und die stete Notwendigkeit, sich dort zu erklären. Danach machen wir Übungen, um sperrige Begriffe oder Sätze in bildhafte Sprache zu verwandeln. Sie legt Wert darauf, dass man keine sprachlichen Schranken aufbaut und da mit der Predigt ansetze, was man bei den HörerInnen (noch) voraussetzen könne. Dass ihre Kaskade von - zugegeben superben - Konjunktiven bei manchen kein Verstehenshindernis sei, hat mir indes nicht ganz eingeleuchtet.

Herr Sagert bemüht sich, die etwas sonderbare Situation, einem Kreis von Kollegen vorpredigen zu müssen. Er bemüht sich, auf das einzugehen und zu bearbeiten, was den jeweils Vorsprechenden eine Hilfe sein könne. Nicht alle lieben verständlicherweise diese Situation. Mir hilft der Humor und die Ironie. Beide machen das Leben doch angenehmer. Sogar die künstlichen Situationen.

Wir lernen: Der Mensch redet auch mit den Händen (was der jüdische Witz schon lange wusste). Ich persönlich lerne, dass mir vermutlich noch einige Weihen fehlen, um das bildhafte Unterfangen Frau Oxens zu verstehen.



Freitag, 04.11.16, Eisenach und Heimfahrt

Ein Rückfall, wir werden wieder um 5.30 Uhr geweckt. Das Hotel füllt sich wieder auf’s Wochenende. Andere, die vermutlich Luther in drei Tagen gebucht haben, müssen schon um 7.45 Uhr wieder ihren Bus besteigen. Wir fahren und erreichen gegen 13.00 Uhr Eisenach, wo es eine Führung durch den Pallas der Burg gibt, mit einem kundigen, humorvollen Führer, der das, was an der Burg gemacht wurde, aus der jeweiligen Zeit heraus zu verstehen versuchte. Mit anderen Worten: Er ist ein durch und durch unmoderner Mensch, denn die Moderne beurteilt so gerne alles von ihrem hohen Ross herunter. Die Heimfahrt erfolgt getrennt, was auch sinnvoll ist, denn Fritz ist ohnehin schneller, er muss eine App haben, mit der er Ampeln passend auf Rot und Grün schalten kann…

Wir haben gelernt: Auch KollegInnen sind Menschen … die erfahrene Offenheit ist wirklich ein Geschenk. Vielen Dank an die Organisatoren. Was aber sonst noch zu sagen wäre, steht nicht im Buch der Chronik, sondern ist in der mündlichen Überlieferung zu hören.


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