Wochenspruch

Worte zum Tag

Vertreibt's die Finsternis...

15.12.2014

DH2-3943Behutsam drückt er die Klinke hinunter. Wie so oft in den letzten Monaten hält er einen Moment inne, bevor er eintritt. Er kann vorher nie wissen, was ihn erwartet. Auf den ersten Blick scheint sie heute ganz guter Dinge zu sein. Sie sitzt am Tisch, schaut kurz auf, als er sagt: „Guten Morgen, ich bin's.“ Er gibt ihr einen Kuss auf die Stirn. Ob sie ihn heute Morgen erkennt? Er vermag es nicht zu sagen.

Und es kommt ihm so vor, als sei es gerade etwas ganz Anderes, was sie in den Bann zieht: Vor ihr steht in einem schmalen Glas die Rose, die er ihr gestern mitgebracht hat. Blassrot, aus dem Vorgarten hat er sie gepflückt. Rosen, die im Dezember blühen, so etwas hat es früher nicht gegeben, denkt er. Früher, als wir Beide den großen Garten hatten mit den üppigen Rosensträuchern. Wie wunderschön das gewesen ist. Er merkt, dass ihm Tränen in die Augen steigen. Es tut weh, sie so zu sehen. Ihre Nähe so zu vermissen. Und so schrecklich hilflos zu sein.

Wie sie heute Morgen auf diese zarte Blüte blickt, das rührt ihn. Ihre Augen scheinen zu glänzen. „Es ist ein Ros entsprungen“, fällt ihm plötzlich ein. Es ist immer eines ihrer Lieblingslieder gewesen, die Strophen konnte sie alle auswendig. Die Melodie klingt ihm in den Ohren. Eine zarte Melodie ist das – so wie die Rose da auf dem Tisch. Von einer aufblühenden Rose mitten im Winter singt es, mitten in der Nacht. Und heißt es da nicht in einer Strophe: „Das Blümelein so kleine, das duftet uns so süß, mit seinem hellen Scheine vertreibt's die Finsternis.“? Absurd, dieses Bild von einer kleinen Blume, die hell leuchtet und die Finsternis vertreibt. Absurd – und doch: es ist ein schönes Bild. Er blickt in die Rosenblüte da vor seiner Frau.

„Vertreibt's die Finsternis“. Das brauche ich, denkt er. Und sie wahrscheinlich auch. Dass es hell wird. Dass diese Finsternis, die sich so bitter um sein Herz gelegt hat, ein wenig gelichtet wird. Dass wieder Wärme und Leben in diese Kälte kommt, die ihn so oft ergreift, wenn er in dieses dämmrige Zimmer hier tritt. „Vertreibt's die Finsternis“. Was für ein tröstlicher Gedanke, geht es ihm durch den Kopf: von solch zartem Rosenblümelein geht solch ein Licht und solch eine Kraft aus.

Sanft streichelt er ihr über den Kopf. „Wollen wir 'Es ist ein Ros entsprungen' singen?“ Er fängt leise an zu summen. Und es scheint ihm, als lächele sie.

Gesegnete Weihnachten wünscht Ihnen
Daniela Hammelsbeck (Pfarrerin in Müllheim)

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